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Astrologie-Redaktion

Rainer Maria Rilke

27.01.2000


Die Geburtszeit Rilkes ist letztlich nicht gesichert. Die biographischen Angaben nennen den 4. Dezember als Geburtstag.

 

Wer du auch seist: am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtlich los...
aus: Das Buch der Bilder


Liest man aber die Gedichte dieses Meisters der Elegien und Erzählungen, so kann man unmöglich bei der Ansicht bleiben, daß sich der Herrscher des Ascendenten (Merkur) und die Sonne in Haus drei aufhalten. Zu schnell und offensichtlich wären dann die Worte und Zeilen; das Herz, das aus jedem Wort Rilkes spricht, wäre nicht zu spüren.
Meine Korrektur geht deshalb in der Zeit etwas zurück auf: 03.12.1875 um 23:44 LMT. 

Die Zeitdifferenz kann schon alleine dadurch auftreten, daß bis 1894 die Uhren zumeist noch nach der Sonnenuhr gestellt wurden. Es entsteht so eine Zeitdifferenz im Bereich bis zu 16 Minuten. Diese Tatsache erlaubt es dem Astrologen durchaus, die Geburtszeit in Frage zu stellen und nach Prüfung zu korrigieren. Dies möchte ich hier in aller Kürze anhand des Sonnenstandes - Haus 3 oder Haus 4 - aufzeigen.

Zu dieser Zeit liegt Rilkes Schütze-Sonne noch in Haus vier, im Bereich der inneren Empfindung, der subjektiven Gestaltungskraft. Haus vier ist die ständige Suche nach seiner eigenen Herkunft, nach dem Gefühl des Eingebettetseins in eine größere Sphäre, in eine größere Ganzheit. Rilke findet dieses Sicherheitsgefühl in Gott. Und kaum ein Dichter hat diese Suche, dieses Sehnen, so schön in Worte gekleidet wie er. Und immer ist der Bezug nach Innen hin zu spüren und zu lesen. Sehr eindrücklich findet sich dies in dem Büchlein »Briefe an einen jungen Dichter« (Insel Verlag) gleich im ersten Brief.
Er antwortet einem jungen Dichter auf die Frage, ob dessen Verse gut seien mit folgenden Worten:
»Sie fragen mich, Sie haben vorher andere gefragt. … Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. … Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? … «

»…ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt« - dieser Satz ist die Beschreibung seines eigenen Beweggrundes zum Schreiben, und nur den kann er dem jungen Freund als Ratschlag geben. Diese Tiefe zu ergründen ist ein Wesensmerkmal von Haus vier. Mit Sonne Haus vier gründet das Tun und Handeln im Menschen selbst, und nur in ihm. Sein seelischer Urgrund, seine Empfindsamkeit für die Welt, die ihn berührt, die an ihm endet, ist ihm die einzige Handlungskraft. Selbstverständlich kommt in diesem Selbstausdruck der ganze Schmerz, die ganze Freude (diese aber seltener) mit und um die Welt, zum Vorschein. Haus vier hat nur das eigene Selbst als Handlungsgrundlage und muß, um über sich hinaus zu wachsen, die ganze Welt und Gott empfinden, in sich finden.
Wie groß und stark Rilkes Empfindungskraft war, zeigt sich in den »Duineser Elegien«. Der Titel rührt daher, daß sie auf Schloß Duino in Italien geschrieben wurden, in einer Zeit, in der Rilke im Horoskop Mond-Saturn überlief (1911).

Der Anfang der ersten Elegie:
»Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmähat, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.«

Die Elegien wurden von Rilke empfangen. Er beschreibt in einem Brief, wie er tagelang in Schloß Duino ohne Essen, nur mit ein paar Schluck Wasser als Nahrung, Tag und Nacht auf und ab ging, Stift und Papier in der Hand. Er hat nichts gedacht, er hat nichts geschrieben. Die Worte kamen, waren einfach da und kamen lediglich durch ihn als Werkzeug zu Papier, er war Mittler zwischen Geist und Materie.

Dies ist sicher eine seltene Form der Empfindung, und gleichzeitig wohl einer der intensivsten. Hingabe und immer wieder nach Innen hin fragen mögen dorthin führen, und dies mag als Schlüsselsatz für alle Haus-4 Sonnen gelten.


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