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Astrologie-Redaktion

Über den Irrtum mit dem Wassermannzeitalter

04.03.1998


Seit Jahrzehnten beschäftigt immer wieder ein Thema die Gedankenwelt der Esoterik: Das Wassermannzeitalter.

Ähnlich, wie die Historiker den zeitlichen Ablauf in Epochen wie Antike, Mittelalter, Neuzeit einteilen, haben auch die Denker des Menschenbildes eine große “Zeitenuhr” entdeckt: Das Platonische Weltenjahr mit einer Dauer von etwa 25.800 Jahren.
Der Name verrät, daß diese Zeitenteilung keine Erfindung unseres Jahrhunderts ist, sondern bereits im antiken Griechenland beobachtet und berechnet wurde. Plato und Pythagoras dürften die Urheber der Idee sein. Sie erkannten durch Beobachtung und Berechnung, daß die Erdachse eine Kreiselbewegung vollzieht. Diese Kreiselbewegung läuft ebenso, wie Sonne, Mond und Planeten durch die Ekliptik, das astrologische Tierkreisband, nicht zu verwechseln mit den Sternbildern des Himmels. Daß ein Weltenjahr in Weltenmonate aufgeteilt wird, liegt nahe. Die zwölf Weltenmonate werden durch den Schnittpunkt Erdachse - Ekliptik bestimmt, ist also eine rein rechnerische, funktionelle Größe. Diese ist, dank der Astronomen, ebenso zu berechnen, wie der Stand der Sonne im Tierkreis. Die Bewegungsdauer beträgt ca. 72 Jahre pro Tierkreisgrad und somit etwa 2.150 Jahre für einen Weltenmonat und 25.800 Jahre für das Weltenjahr.

In das menschliche Interesse wurde die Lehre von den Weltenmonaten, im Besonderen des Wassermannzeitalters, zur Jahrhundertwende gerückt. Die Wurzeln sind auch hier schwer zu verfolgen, doch dürfte den größten Publikationsanteil die Theosophische Gesellschaft, gegründet von Helena Petrowna Blavatsky, für sich verzeichnen. Die Theosophische Gesellschaft kann heute getrost als Ursprung zahlreicher esoterischer Lehren, Glaubensrichtungen und Heilungssysteme gesehen werden. Dadurch verwundert es auch nicht, daß viele “moderne” Schriften sich in den älteren der Theosophie, und auch diese wiederum in den noch älteren der indischen und tibetischen Weisheitslehren wiederzufinden sind. Genügend wurde bereits über den Irrtum beim Lesen und Verstehen geschrieben, so daß ich hier lediglich anführen möchte, daß eben die Theosophen vom nahenden, erlösenden Wassermannzeitalter berichteten. Wer schlußendlich den zeitlichen Beginn in Umlauf brachte ist mir nicht bekannt und auch unwesentlich für unsere Betrachtung des Vorgangs. Wesentlich ist, daß der Anfang der Zeit der Liebe und des Lichts zwischen die Jahre 1950 und 2050 gelegt wurde. Diese Zeitangaben können nur mit den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen spirituellen Lehrer erklärt werden, die Ihre Zeit als eine Endzeit der Verwirrung und Verdammnis sahen, sich selbst zu Führern in die Freiheit auserkoren (teils auch ernannt wurden) und nach nahenden Lösungen suchten. Der zweitausenjährige Epochewechsel bot sich an und wurde ergriffen wie ein Strohhalm in einem Glas voll Sand.
Ganze Bücher wurden mit der Hoffnung auf eine neue, heile, liebevolle Zeit voll geschrieben, eine Unzahl sogenannter esoterischer Autoren der Jetztzeit bauen Kapitel über etwas ein, das sie noch nie wirklich bedacht und betrachtet haben. Astrologische Deutungen werden zurechtgebogen, Zeiten- und Zeichenwechsel nach persönlicher Brauchbarkeit festgesetzt, Informationen, in denen der Teufel das Detail beschreibt und der Himmel seine Augen verschließt, leben in den Gehirnen derer, die von sich sagen, sie könnten dem und den Menschen helfen, ihn heilen, ihm den Weg zum Glück weisen. Wenn da nur nicht ein Schalk die Richtungsschilder verdrehte!

Viele Hoffnungen konzentrieren sich auf den Beginn dieses neuen Erden-Zeitalters. All die zerstörerisch wirkende Energie der vergangenen Jahrhunderte soll nun durch den Eintritt in diese neue Epoche verändert, transformiert und zum Guten gewendet werden.
Nicht nur viele bekannten Astrologen unserer Zeit beschäftigen sich mit diesem Schicksalswandel der Menschheit. Auch außerirdische Sternenführer und Engelwesen melden sich über menschliche "Kannäle" zu Wort und verheißen uns nach dem lange ersehnten und vielfach prophezeiten Weltuntergang endlich die Erlösung der verführten Menschheit. Ein neues Bewußtsein wird in den Menschen heranwachsen. Negative Gedankenkräfte werden ersetzt werden durch friedvolle, liebende und einende Gedanken. Der Haß wird die Welt verlassen und nimmt Neid und Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung gleich mit. An ihre Stelle treten Liebe, Freude und Glück! Soweit die Vorstellung über das Leben.

Inspiration und Intuition sind eine wunderbare und wichtige Wesenheit des Menschen. Allerdings wirkt sie nur bei dem helfend und fördernd, der innerlich gefestigt ist aus sich selbst, und nicht ein Träger der Überzeugtheit fremder Gedanken ist, also ein willfähriger Schüler eines meist asiatischen Meisters. Doch genau dies geschieht im kosmischen Fall “Wassermann”. Ich unterscheide hier zwischen dem Gebrauch einer Waschmaschine und meiner Anschauung über das Leben. Die Waschmaschine neu zu erfinden, weil ich den funktionellen, äußeren Vorgang des Waschens durchführen will, ist falsch und überflüssig. Meine Weltanschauung mir zu bilden ist hingegen ein Vorgang, den ich alleine aus mir, durchaus mit fremder Hilfe, aber eigenen Schlüssen und Ergebnissen, sich bilden lassen muß. Diesen Vorgang haben die Schreiber alle übersprungen, sie gingen nicht mit Lernen, Schmerz und Irrtum den Weg zum Ziel, sondern erklären sich gleich in göttlicher Selbstverwechselung zum selbigen.


Ich trete nach dieser Vorrede nun in die Beweisphase zu meiner Überschrift.

Der Beweis ist derart einfach, daß es mir (fast) peinlich ist, ihn anzuführen. Im Sinne einer Klärung ist es aber unumgänglich. Es gibt seit Jahren zuverlässig berechnete Ephemeriden (= Gestirnstandstabellen). Die umfangreichste, die ich kenne ist die Ephemeride der Aureas Editions, Paris. In dieser ist abzulesen, daß der siderische Frühlingspunkt, also das Kalenderblatt der Weltenmonate, derzeit auf ca. 5° im Zeichen der Fische steht. Somit ist in 360 Jahren (5 x 72 Jahre) mit dem Eintritt in den Wassermannmonat zu rechnen. Die falschen Propheten sind enttarnt.

Vermutlich hatten die ersten Berichtenden einfach keine genauen Berechnungsmöglichkeiten, was sie in gewisser Weise entschuldigen mag. Doch ist bei unsicheren Texten dies einfach anzugeben, eben um einer Verbreitung möglicher Fehler entgegenzuwirken, es sei denn, der Schreiber oder Sprecher sieht sich im Besitz der Wahrheit. Daß damit noch keine Wirklichkeit beschrieben ist, also ein wirkendes göttliches Prinzip, das dem Menschen ins Bewußtsein tritt und dessen Träger er mit seinem Leben sein kann, wird durch die unsaubere Verwendung von Sprache verleugnet. Es hilft aber zur Bildung und Ausübung von Macht.

Um die funktionelle Darstellung des Laufs der Weltenmonate abzuschließen, sei auch darauf hingewiesen, daß der Beginn des Fischezeitalters etwa in das Jahr 200 nach Christi Geburt fällt! Damit ist ein Erklärungsmodell über den zeitlichen Ablauf und die Fehldeutungen widerlegt. Der Beginn des Fischezeitalters wurde nämlich bislang stets mit der Geburt des Fischers Jesus begründet. Wenn überhaupt, so kann man den Beginn der christlichen Kirche als Organisation in diese Zeit legen. Jesus jedenfalls war ein Sohn des Widdermonats, das Lamm Gottes.

Was ist es nun, das den Beginn des erwarteten Wassermannzeitalters so sehnlich herbeiwünscht? Die Prophezeiungen, in diesem Fall Wünsche und Sehnsüchte, sprechen durchwegs von Zeiten der Liebe, des Abfalls von Vernichtung und Rohheit. Hochschwingende Energien werden den Menschen in einen neuen Bewußtseinsstand heben. Er selbst braucht dazu nicht mehr zu tun, als die vergangenen Jahrzehnte: Kriege führen, Menschen morden, den Lebensraum Erde vergiften, Lügen verbreiten, Macht ausüben, das Schöne verdrängen und der Über-Zeugung allen Raum geben. Der Lohn für diese aufopfernde Mühe ist dann die Erlösung und ein Gott, der endlich, endlich das Böse im Menschen ausmerzt und ihn nur gut sein läßt. So beschreibt es die vielfätlige Literatur.

Wäre das Geschrei nicht so laut, daß es mir unmöglich wird zu denken, wäre auch dieser Text nicht notwendig.
Die erste Frage, die sich mir zeigte, als ich das erste Mal von den Weltenmonaten hörte war: “Wer überblickt sein kurzes Leben? Wer kann es deuten und lenken? Und diese Menschen bedenken nun 2.150 Jahre? Diese Menschen erklären die Lebens- und Geschichtsläufe anhand einer so langen Epoche?” Die zweite Frage war: “Was geschah alles in den letzten 2.000 Jahren? Dies alles, diese ungeheuere, erschreckende menschliche Entwicklung wird einem Prinzip, dem der Fische, zugeschrieben?” Es läßt sich eine lange Liste anführen, die die Zuordnung widerlegt. Mit Ausnahme der christlichen Religion findet sich aber kein Zuspruch. Weshalb bedenkt niemand die Religion des Islam, des Buddhismus, des Hinduismus? Sie liegen alle quer zu den Weltenmonaten. Wollen wir den Fischen die Raubzüge der Europäer in fernen Ländern zuschreiben? Wollen wir die Fische mit den christlichen Kreuzügen nach Jerusalem belasten? Wollen wir die Fische mit der Technisierung und Verschmutzung der Welt durch die Industrialisierung beladen? Wo in dieser Fischezeit findet sich das Einfühlsame des Fisches, das Geschehen und Gewähren lassen als Urprinzip? Ich als Fische-Mensch kann nichts entdecken.

Ich finde es persönlich sehr schade, daß sich gerade Astrologen, die sich im Bilderdenken üben sollten, diesen äußerlich meßbaren Umständen verpflichtet fühlen. Sie begeben sich damit auf das Feld der Naturwissenschaften. Dort wird seit etwa 500 Jahren versucht, das Leben und seine Grundlagen durch Messen, Zählen und Wiegen zu ergründen. Eine Bestandsaufnahme der Atome, die jeder Geschäftsmann zum Jahreswechsel gesetzlich verordnet durchführen muß; man nennt dies Inventur. Ich kenne aus derzeit 12 Jahren Erfahrung keine Inventur, die stimmt! Es zeigt sich durch die rasante Verbreitung esoterischen Wissens ein bereits ungeheueres Maß an zunehmendem Mißverständnis, und dadurch eine Veruntreuung dieses Wissens, was möglicherweise durch die industrielle Verbreitung dieser Verfälschungen zur Vernichtung dieses Wissens führt. Esoterik ist der Weg nach innen, in die Räume unseres Geistes - nicht nach außen in die unendliche Weite des Weltraumes. Astrologie ist nicht mit einem Computer durchführbar. Sie bedarf stets des wissenden Menschen. Ein schöpferischer Geist konnte sich noch zu keiner Zeit durch Gerätetechnik, und sei sie noch so modern, bilden. Sollte dies, was ich nicht hoffe, in Zukunft möglich sein, so ist klar, daß damit der Mensch als geistiges Wesen ausstirbt. Die Technik soll dem Menschen helfen, schwere körperliche Arbeit zu verrichten. Dazu ist sie geeignet und stört den Geist nicht. Der Geist hat damit die Chance, sich mehr um seine ureigenen Belange zu kümmern - nämlich die schöpferischen Angebote des Himmels zu erkennen und für die Menschen umzusetzen. Wer Geist und Technik gleichsetzt erniedrigt sich selbst zum reinen Wissensträger im Gegensatz zum Wissenden um die Dinge. Er wird zur 500 MB Festplatte mit installiertem Programm, kann sich nur noch in vorgegebenen Intellektdenkschienen bewegen. Eigenes Denken ist damit unmöglich. Ohne eigenes Denken kann folgerichtig kein Eigenleben und keine Identität, die von anderen unterscheidbar macht, wachsen und reifen.

Als Lohn und Dank für die permanente und penetrante Mißachtung der göttlichen Ordnung erwartet nun der größte Teil esoterisch - geistig denkender und handelnder Menschen mit dem rechnerisch ermittelten Übergang in ein neues Zeitalter die "uranische" (=plötzliche, revolutionäre) Umwandlung (gerne als skorpionische Transformation mißgedeutet) in eine höhere Bewußtseinsstufe. Mit manischer Selbstverständlichkeit wird diese höhere Bewußtseinsstufe mit dem besseren Leben, der schönen neuen Welt, Liebe, Frieden und Gemeinschaftlichkeit gleichgesetzt. Zweckorientierte Journalisten verlegen ihre Ergußebene aufs Bücher schreiben, und führen suchende Menschen auf Irrpfade, in die Sackgassen der rein am äusserlichen arbeitenden Wissenschaften.

So mancher fühlt sich nach dem Besuch von drei Wochenendseminaren zum Heiler berufen und führt, selbst meist ohne eigene gelebte Erfahrungen, labile Menschen in das Labyrinth des "Alles ist möglich", wo diese dann, verstrickt in Vorstellungsmuster und ohne echte Orientierung, meist stehengelassen werden. Auf dem Weg in die Freiheit des Geistes haben sie dann nur die Vorstellungen gewechselt, anstatt zu eigenem Bewußtsein und damit zur eigenen schöpferischen Freiheit zu gelangen. Und gerade diese Menschen sind es, die eine Vision verbreiten - die Vision vom besseren Leben auf einer höheren Stufe, einer höheren Schwingungsebene - die Vision vom Wassermannzeitalter.

Es handelt sich hier um eine Thematik, die nicht kritisch genug beleuchtet werden kann, will man nicht weiterhin einem Irrglauben, einer täuschenden Vorstellung, anhängen. Es geht um das Leben. Das eigenverantwortliche Leben. Das schöpferische Leben. Das freie Leben. Das liebende Leben. Und in diesem Moment haben Sie eben nur dieses eine!


Literaturhinweise:

W. Döbereiner: Berliner Vortrag Seite 56 ff., Astrologisches Lehr- und Übungsbuch Bd. 2, Seite 36 ff.
A. Rosenberg: Durchbruch zur Zukunft - Der Mensch im Wassermannzeitalter
Ephemeride Saint Michel Editions - 1989


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